„Palimpseste“ – Hans-Peter Korth

Where is the knowledge

we have lost in information?

T.S. Eliot

Dieter Zirkels Bilder sind änigmatische Gespinste von betörender Farbigkeit. Er destilliert malerische Pretiosen aus dem, was andere wegwerfen (hier meist ge- und verbrauchte Papiere des 18. Jahrhunderts) und der „Hingabe an den Genuß des Malens“, indem er dem Malgrund mit graffitiartigen Strukturen kryptische Botschaften anvertraut.

Zirkel sagt hierzu: „Der Betrachter neigt naturgemäß dazu, sich sofort mit der Entzifferung der Schrift zu beschäftigen. Dabei entgeht ihm das kulinarische Vergnügen an der Malerei – der belle peinture …“

Also irgendetwas entgeht einem: Die tieferen Botschaften der Schrift, solange man die Malerei genießt, oder aber die schöne Malerei, wenn man sich mit der Schrift beschäftigt. Ehe wir es uns versehen, hat uns Zirkel mit seinen vexatorischen Hexenkünsten in seine labyrinthische Welt gelockt. Auf einige Blätter schrieb er: „Hic habitat Minotaurus.“ Dies könnte auf allen Bildern stehen. So führt er den Betrachter vor das Labyrinth, seine Bilder sind das Labyrinth, er ist das Labyrinth, aber den Ariadnefaden behält er in der Tasche.

Hineingelockt ins Labyrinth durch sirenenhafte Malerei verirrt und verheddert sich in ihm, wer diese Bilder auf einen handlichen Nenner bringen wollte. Kein markt-, medien- oder verbraucherorientiertes Etikett läßt sich anbringen. Ein ganzes Geflecht von Bewußtseins- und Gestaltungsebenen verschlüsselt diese Bildwelt, die aussagt und gleichzeitig jede Aussage in eine Chiffre hüllt.

Jeder sieht: Zirkel ist ein Maler des Dunkels. Dunkel nicht nur der Sinn seiner Kritzelbotschaften, – auch die Malerei bleibt in der gepflegten morbidezza gedämpfter Molltöne. Das hat einen Hintergrund, den wir nicht übergehen dürfen, nämlich Zirkels tiefe und ausweglose Zivilisationskritik. Der Maler selbst hierzu:

»Die Themen meiner Malerei werden unvermeidlich beeinflußt durch die ständige Konfrontation mit flächendeckenden Zerstörungen unseres Planeten, mit psychischen und physischen Verwüstungen der Menschheit, – entstanden und fortwährend entstehend durch einen nur quantitativ ausgerichteten Fortschrittsglauben, ein homozentrisches Weltbild, in dem Terra, Flora und Fauna eine lediglich dienende, Materie liefernde Funktion zugebilligt wird, durch eine zur Perversion gesteigerte Gewinnmaximierung, kurz – eine Summierung von Fehlentwicklungen, die dem endgültigen Massen-Suizid der Spezies homo sapiens den Weg ebnet.“ (1984) Bestürzende Texte hierzu entdecken wir als Graffiti an seinen ebenso kaputten wie geschichtsgesättigten Mauern, – wenn wir sie entdecken. Wie schon angedeutet, ist es dem Maler egal, ob jemand sie liest. Er sieht sich von dem römischen Dichter Persius verstanden mit dessen resignierendem „Quis leget haec?“

In einer ironischen Volte sagt Zirkel heute: „Als Maler bin ich nur an der sichtbaren Oberfläche interessiert, – also an der Epidermis der Erscheinungen….“ Hieß es also erst: Ihr lest es ja doch nicht, so heißt es jetzt: Hier gibt’s nichts zu lesen. Das ist natürlich empörende Koketterie. Denn gerade Zirkel, „der enzyklopädische Geist, der sich aus allem Gewesenen speist“, ist ohne seine Verkabelung mit dem Materiallager der Kultur ein Baum mit gekappten Wurzeln.

Es ist eben ein Grundmuster seines Arbeitens, seine Obsession: die Vereinigung des Unvereinbaren, Urthema der Manieristen, vertraut den Surrealisten. Hier sind die Zeiten aufgehoben, Vergangenheit und Mythos gegenwärtig, alles ist gleichzeitig. Und sein, Hic habitat Minotaurus“ ist nicht bloß ein kretischer Mythos aus Urzeiten, sondern in dem Schild „Lost Persons‘ Area“ amerikanischer Rummelplätze beklemmende Gegenwart, denn für Zirkel bezeichnen diese Worte bereits den Zustand der Erde.

Hatten schon in früheren Bildern die düsteren Wände den Himmel mehr und mehr verstellt, so ist der Bildraum heute ausweglose Fläche nurmehr mit Graffitis bedeckt als Trägern der Farbigkeit. Spuren einer Kultur, hintergründige Textfragmente und Anspielungen, die der Mauer anvertraut sind, um nicht gelesen zu werden, und gleichsam herunterrieselnd ein ehemals sinnerfülltes kulturhaltiges Sediment bilden, Labyrinthe nun selbst, gespeist aus Literatur, Musik, Kunstgeschichte, überhaupt allem Gewesenen aus dem großen Fundus, den Zirkel spielerisch und schalkhaft verwaltet. Anvertraut verkrusteten palimpsestiösen Flächen, die in geheimnisvollem Spagat bereits am anderen Ufer sind, in der Welt des Unräumlichen, Ungegenständlichen.

Hier könnte Zirkel, indem der Ring sich schließt, von der „Verführung durch die Literatur“ eingeholt werden. Weg vom Bild! Schon finden wir den Maler meditieren über das ungemalte Bild oder das verrottbare Bild mit dem „Grünen Punkt“. Schluß mit dem Malen! alles ist eitel! Nur noch die Stimmen der Tiefe! „Allerselen – Fini du tout.“

Hans-Peter Korth, Architekt

Zu denen in der Broschüre abgebildeten Bildern geht es hier.

Quelle: Dieter Zirkel, Palimpseste : Bilder aus dem letzten Jahrtausend / Dieter Zirkel. Kunstverein Minden ; Mindener Museum, Minden 2002; https://d-nb.info/97019823X

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