Texte in Dieter Zirkel Exhibition

Die Texte stammen aus dem Katalog zu den Ausstellungen im Goethe Institut.

Walter Erben

„Nichts ist poetischer als heterogene Mischungen“ – Novalis, Fragmente

Die Beschäftigung mit den Bildern von Zirkel läßt schnell erkennen, daß dieser Künstler – sein Menschliches miteingeschlossen – modischen Beeinflussungen gegenüber immun ist, wobei selbst sein Spielen mit surrealistischen Effekten und Manieren eine neue Dimension des Ironischen heraufbeschwört. Er empfindet sich als ein von enzyklopädischer Bildung eher geplagter als getrösteter Mensch, der sich eines „archivarischen“ Zwangdenkens als eines Traumas bewußt wird, von dem er sich nur durch das Malen zu befreien vermag. Er ist nicht in der Lage, jene Form von unproduktiver Arroganz aufzubringen, die seine Altersgenossen als Tugend preisen, jene Haltung, die jedwede Form von Bildung als elitär zu schmähen versucht. Die Verzweiflung des zum Schaffen Verurteilten, die auch Zirkel eigen ist, zwingt ihn vielmehr dazu, sein Leben, Denken und Tun im wörtlichen Sinn als elitär zu empfinden. Das ließ ihn auch das jahrhundertealte Gehäuse im Münsterland aufsuchen, dessen Mauerwerk zu der Zeit entstand, als Gesualdo und Monteverdi ihre ebenso kunstvollen wie „modernen“ Madrigale – die von Zirkel ebenso geliebt werden wie die karikierenden Sonatinen von Erik Satie – erfanden.

Allein der Zustand des Elitären vermag Zirkel in eine „Verfremdung“ zu versetzen, die es ihm gestattet, das Zeitgenössische als transitorisch und grotesk und das immer schon Dagewesene, Sich-Wiederholende als das einzig Konkrete – Aktuelle anzusehen. Sein Intellektualismus ist deshalb von höchst humaner, d.h. versöhnlicher Art, und die Achtung, die er Finnegans Wake“von Joyce entgegenbringt, entspringt der existentiellen Achtung, die ihn das Studium des Predigers Salomo gelehrt hat.

Zirkel nennt die Atmosphäre und topographische Situation seiner Landschaften „nach-apokalyptisch“. Wir können ebenso sagen: urwelthaft. Doch ist es eine Art von Urwelt, die in einer Umkehr von geschichtlichem Ablauf alle später entstandenen Architekturen und ihr Zerfallen wieder in sich zurücknimmt, so daß nur ihre Spuren übrigbleiben, Konstruktionsentwürfe, an denen sich die Überlebenden orientieren, um den pervertierten Plänen eines diabolischen Demiurgen zum Trotz sich auf ein Neues auf dieser entleerten Bühne einzurichten. Dabei verbleiben ihnen nichts als Geist und Sinne evozierende Objekte, als die Symbole des Schöpferischen: die Kugel, der Kubus, das orphische Ur-Ei, die Pyramide: die Spielzeuge höherer Ordnung des homo ludens vor dem Sündenfall. Dem Erfinden dieser Formen gilt Zirkels Liebe als Poet und malender Hand-werker, sie stellen die Juwelen seiner Bildobjekte dar, durch die ihr thematischer und ästhetischer Reiz bestimmt wird.

Walter Erben

Dieter Zirkel über sein Kunstverständnis 1970

Die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bereichert die Kunstgeschichte um die Errungenschaft „Kunstlosigkeit“. Für den, der in diesem Stadium des kunstgeschichtlichen Progresses schöpferisch tätig sein will, besteht die Möglichkeit, den Progress weiterzutreiben, d.h. „kunstlos“ zu werden, „Antikunst“ zu produzieren (die Apostrophierung ist nicht negativ gemeint), oder aber er begreift den Progress als Komplex, der Objekt seines Denkens und Fühlens wird. In diesem Fall entsteht eine Art „Subjektiver Archivar“, und zu dieser Spezies möchte ich mich zählen. Ich sehe vor mir ausgebreitet die Irrungen, die Siege und Krönungen, die Gedankentürme und Weltentwürfe aus fünf Jahrtausenden. Mit diesem ungeheuren Material läßt sich jonglieren und tändeln, man darf es verspotten, genießen, erleiden, in Apothesen verherrlichen und in Schmähschriften vergiften; – nur eines darf man nicht – es vergessen. Denn der geschichtslose Mensch errichtet zum tausendsten Male den Turm zu Babel – im Glauben Pionier zu sein.

Ich bemühe mich in meiner Arbeit um die Fixierung einer synkretistischen Welt, einer (freilich ausschnitthaft subjektiven) Zusammenschau der menschlichen Kulturgeschichte.

Freud und Einstein, die großen Väter dieses Jahrhunderts, begrenzen den Wissensbedarf unserer Zeit: die Technik der Seele und die Technik des Alls, – die fremde Nähe und die fremde Weite. Dies sind Endpunkte auch meiner Arbeit; jedoch ist Motivation nicht ein rationales Durchdringenwollen der Physis und Psyche, sondern ein emotionales Verlangen nach jenen Bereichen, die der exakten Wissenschaft unzugänglich sind, nach jener Welt, deren Begriffe ungenau und irrational erscheinen: Traum und Rausch, Schönheit, Geheimnis und Grauen, verzweifelte Ironie und fröhliche Melancholie. In einer durchforschten und organisierten Welt, die nur noch utilitaristisch ausgerichtet ist, wird das Leben des Menschen arm und unfruchtbar sein; – der Homo sapiens erniedrigt zur zwar vernünftig doch unverständig agierenden Termite. Ich bemühe mich, ein Reservoir an Tafelbildern zu schaffen, das den Betrachter in jene ihm eingeborenen Bezirke entführt, die die Vernunft nicht einzuordnen vermag.

Die unvermeidliche Bindung der bildenden Kunst an die Materie ist Ursache ihrer geringen Wertschätzung in den Systemen der Philosophen. Doch erscheint mir gerade diese erzwungene Bindung als Vorteil; – denn da der Mensch sichtbar nur mit Materie konfrontiert ist, muß deren größtmögliche Veredelung erstrebenswert sein und diese Verwandlung ist eine Aufgabe der bildenden Kunst: Unter den Lasuren und Übermalun-gen werden Schutthalden und Gebirge, Blüten und Blut, das verletzte Fleisch, die verletzte Erde, Gestirne und Paläste, Verfall und Morast zur Betrachtbarkeit erhoben: Das Chaos wird Kosmos. Ich bemühe mich (wie viele meiner malenden Zeitgenossen) um die Veredelung der Materie bis hin zur Menschenwürdigkeit.

Dieter Zirkel 1970

Dieter Zirkel über seine Kunst 1976

Die Bildthemen der letzten Jahre sind vornehmlich zwei dualistischen Ebenen entnommen (s.o.): In der Senkrechten die außermenschlichen Kämpfe zwischen Atmosphäre und Lithosphäre, deren Spiegelungen in den theologischen Systemen zu finden sind: Himmel und Erde, Ormuzd und Ahriman, Yin und Yang etc.. In der Waagerechten die menschliche Ebene, das Schlachtfeld zwischen den zuweilen chaotisch, zuweilen idyllisch beharrenden Kräften der Natur und den konstruktiven, widernatürlichen Kräften des Menschen. Zur ersten Ebene zähle ich meine mehr romantischen Bildmotive, in denen mystische Landschaften aufgebaut werden, mit grenzenlosen Himmelsräumen oder urwaldhaft verschlungenem Bewuchs, in dem sich organische Formen des Wohnens – humane Eremitagen eingenistet haben. Zur zweiten Ebene gehören die eher kritischen Motive:

Der menschliche Fortschrittsglaube (als Kontrahent der progressfernen Naturgesetze) erzeugt progressiv weiterschreitende Zerstörungen – selbst seiner eigenen kulturellen Leistungen!

Dieter Zirkel 1976

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